Ein Adventskalender über Fermentation – ein Fermentskalender. 24 Türchen, hinter denen sich Erstaunliches aus der Geschichte der Fermentation, besondere Empfehlungen für eigene Reisen in den Mikrokosmos, weihnachtliche Zukunftsvisionen und natürlich ganz viel Besinnlichkeit verbergen. Auch einige Überraschungsgäste tauchen auf, teilen Rezepte mit uns oder schwärmen von ihren Lieblingsmikroben.
Viel Spaß dabei und habt eine schöne Adventszeit!
Fermentskalender - Türchen #10: Von Gasgeistern und Brotberatern

Die Geschichte unserer Beziehung zur Fermentation reicht noch sehr viel weiter zurück als die Weihnachtsgeschichte. Und da sie auch sehr viel seltener erzählt wird, werde ich hinter einigen Türchen (bisher Türchen #1, #4 und #7) dieses Fermentskalenders historische Begebenheiten und Fakten aus der Geschichte der Fermentation verstecken, die mich selbst besonders faszinieren und euch vielleicht auch.
Alchemie: Viel Bling-Bling, aber auch große Fragen
Die Alchemisten waren eine faszinierende Mischung aus Philosophen, Experimentatoren und Visionären, die schwer in moderne Kategorien wie Wissenschaftler oder Mystiker einzuordnen sind. Sie bildeten quasi eine Brücke zwischen Naturphilosophie und Wissenschaft. Vor allem am Anfang, vor einigen Tausend Jahren, entsprangen alchemistische Tätigkeiten noch größtenteils dem Handwerk, wie zum Beispiel der Verarbeitung von Metallen. Daraus entstand dann wohl auch das bekannteste Bestreben der Alchemisten: unedle in edle Metalle zu verwandeln. Am liebsten in Gold.
Aber Alchemie entwickelte sich zu noch viel mehr als dem Versuch, stinkreich zu werden. Es ging schon bald um tiefgreifende philosophische Fragen und darum, den grundlegenden Zusammenhängen in der Natur auf die Spur zu kommen. Und es wurden viele spannende Ideen entwickelt, die uns heute eher wie Fantasy anmuten als wie Wissenschaft. Viele davon hatten auch mit Fermentation zu tun.
Alchemisten und ihre Faszination für Fermentation
Eigentlich ist es kein bisschen verwunderlich, dass Fermentation das Interesse der Alchemisten weckte. Schließlich wandeln sich durch sie wie durch Zauberhand Dinge ineinander um. Und von Mikroorganismen wissen Menschen ja erst seit wenigen Hundert Jahren, also musste man sich das alles irgendwie anders erklären. So wie Rohmetalle im alchemistischen Schmelztiegel durch Wärme und chemische Reaktionen veredelt werden, glaubten Alchemisten, dass die Wärme und Aktivität der Fermentation unedle Materie veredelt. Es muss unzählige Experimente gegeben haben, unedle Materialien in Gold zu fermentieren.
Alchemisten im Mittelalter experimentierten aber auch mit Fermentation, um Alkohol herzustellen, den sie oft als „aqua vitae“ (Wasser des Lebens) bezeichneten. Sie glaubten, dass die Gärung den göttlichen Funken im Material freisetzte, ähnlich wie die Transmutation von Metallen.
Alchemisten beobachteten auch, dass bei der Fermentation von Wein oder Bier Gase freigesetzt wurden. Sie nannten diese unsichtbaren Substanzen oft „Geister“. Es dauerte noch viele Jahrhunderte, bis Wissenschaftler wie Joseph Priestley und Antoine Lavoisier im 18. Jahrhundert erkannten, dass diese „Geister“ tatsächlich Kohlenstoffdioxid sind (für uns ist das Gas inzwischen ja wieder „die Geister, die ich rief“, Stichwort Klimawandel).
Auch die Fermentation beim Brotbacken begeisterte die Alchemisten (sie müssen überhaupt sehr begeisterungsfähige Menschen gewesen sein). Das Aufgehen von Brot war für sie ein nahezu magischer Prozess. Sie dachten sogar, die Hefegärung sei ein göttlicher Akt, der Leben und Fülle in die Nahrung brachte.
In mittelalterlichen Küchen wurden Alchemisten oft als Berater hinzugezogen, um „perfektes Brot“ zu schaffen.

Experimente, um dem großen Ganzen auf die Spur zu kommen
Mit all unserem Wissen können wir uns heute natürlich leicht darüber lustig machen, was die Alchemisten so getrieben haben. Doch sie waren die Forscher ihrer Zeit und ihr Wirken war von weitreichenden, philosophischen Fragen angetrieben: Was ist der Ursprung der Materie? Wie ist das Universum aufgebaut? Was bedeutet Transformation? Und wie kann man unbelebter Materie Leben einhauchen? (Die Frage, wie Leben eigentlich entsteht, ist noch gar nicht so lange geklärt. Es gab lange Zeit konkurrierende Ideen dazu und die Überzeugung, Lebendiges könne aus Unbelebtem entstehen, durch sogenannte Urzeugung. Mehr dazu in meinem Buch.)
Da Fermentation überall in der Welt entdeckt und angewendet wurde, beschäftigte sie auch zahlreiche Alchemisten in unterschiedlichsten Kulturen. Vom alten Ägypten über das antike Griechenland bis hin zur Blütezeit der Alchemie im arabischen Raum vom 8. bis zum 12. Jahrhundert und zum europäischen Mittelalter. Erst im 18. und 19. Jahrhundert ging die Alchemie schrittweise in die moderne Chemie, Physik und andere Naturwissenschaften über. Mal ehrlich: wüsstet ihr nicht, wie Fermentation funktioniert und es gäbe die moderne Wissenschaft nicht, wie hättet ihr euch erklärt, was dort passiert? Und wie hättet ihr reagiert, wenn euch jemand weismachen wollte, dort seien mikroskopisch kleine Lebewesen am Werk? So viel verrückter als die Realität waren die Ideen der Alchemisten eigentlich gar nicht.
Einflussreiche Alchemistinnen
Erst als ich fertig war, ist mir selbst aufgefallen, dass ich hier die ganze Zeit nur die männliche Form „Alchemisten“ benutzt habe. Tatsächlich waren es mal wieder fast ausschließlich Männer, die sich solchen Tätigkeiten widmen konnten oder durften. Es gab in der Geschichte aber auch Alchemistinnen und ich habe ChatGPT mal gebeten, mir einige der bekanntesten aufzuzählen:
1. Maria die Jüdin (Maria Prophetissa)
- Zeit: Wahrscheinlich 1.–3. Jahrhundert n. Chr. (hellenistische Epoche)
- Herkunft: Alexandrien, Ägypten (heutiger ägyptischer Raum)
- Beiträge:
- Maria die Jüdin gilt als eine der frühesten bekannten Alchemistinnen und wird in zahlreichen alchemistischen Texten erwähnt.
- Sie entwickelte mehrere chemische Apparaturen, darunter den Dreiwandkolben (auch als Bain-Marie bekannt), der heute noch in der Küche verwendet wird, und die erste bekannte Destillationsapparatur.
- Ihre Experimente mit Metallen und ihre metaphorischen Schriften beeinflussten spätere alchemistische Werke.
Maria wird auch mit der Aussage „Eins wird zwei, zwei wird drei, und aus dem dritten entsteht das Eine als Viertes“ zitiert, die symbolisch für alchemistische Transformationsprozesse steht.
2. Kleopatra die Alchemistin
- Zeit: 3. Jahrhundert n. Chr.
- Herkunft: Wahrscheinlich Ägypten
- Beiträge:
- Kleopatra war eine alchemistische Philosophin, die für ihre Schriften über die Transformation von Metallen bekannt war.
- Ihre Werke beinhalteten Diagramme und Illustrationen, die den Prozess der Transmutation von Metallen beschrieben.
- Sie wird oft mit der Symbolik des Ouroboros (der Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt) in Verbindung gebracht, einem zentralen Symbol der Alchemie.
3. Trotula von Salerno
- Zeit: 11. Jahrhundert
- Herkunft: Italien
- Beiträge:
- Sie war eine der führenden Persönlichkeiten der medizinischen Schule von Salerno und verband alchemistische Prinzipien mit Heilkunst.
- Trotulas Werke befassten sich vor allem mit Frauenmedizin, wobei alchemistische Präparate wie Salben und Elixiere eine wichtige Rolle spielten.
4. Perenelle Flamel
- Zeit: 14. Jahrhundert
- Herkunft: Frankreich
- Beiträge:
- Perenelle Flamel war die Ehefrau des berühmten Alchemisten Nicolas Flamel, und es wird spekuliert, dass sie eine aktive Rolle in seinen Experimenten spielte.
- In der Legende wird sie oft als Mitentdeckerin des Steins der Weisen dargestellt.
5. Isabella Cortese
- Zeit: 16. Jahrhundert
- Herkunft: Italien
- Beiträge:
- Isabella Cortese schrieb das Buch „I Secreti della Signora Isabella Cortese“, das alchemistische und medizinische Rezepte enthielt.
- Sie war eine der wenigen Alchemisten ihrer Zeit, die offen ihre Experimente und Entdeckungen dokumentierten und veröffentlichten.
6. Anna Zieglerin
- Zeit: 16. Jahrhundert
- Herkunft: Deutschland
- Beiträge:
- Anna Zieglerin war eine deutsche Alchemistin am Hof von Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel.
- Sie behauptete, im Besitz des Steins der Weisen zu sein, was sie jedoch später als Betrug entlarvte. Ihre Geschichte zeigt die problematischen Aspekte der Alchemie, aber auch, wie Frauen in diese Welt eintreten konnten.
Ein cooles Buch über die Geschichte der Alchemie, inklusive Fermentation, ist „Alchemy: The Great Secret“ von Andrea Aromatico. Es gibt aber bestimmt noch einige andere, aber ich fand dieses hier vor allem auch wegen der vielen Illustrationen super.
Das hat mit Alchemie nur am Rande etwas zu tun, aber Brettspiele sind nun einmal eines meiner Hobbys: „Die Quacksalber von Quedlingburg“ ist ein geniales Brettspiel. Falls ihr noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, das ist etwas für die ganze Familie (gibt inzwischen auch eine Version für zwei Spieler:innen). Ein ebenso geniales, aber eher spezielleres Expertenspiel zum Thema ist „Die Alchemisten“.
Mehr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fermentation gibt es in meinem 2024 im Residenz Verlag erschienenen Buch „Revolution aus dem Mikrokosmos – Nachhaltige Ernährung durch Fermentation“. Zu kaufen überall, wo es Bücher gibt, zum Beispiel direkt auf der Seite des Verlags. Mehr zum Buch findet ihr auch hier auf meiner Webseite.

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