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Ein Adventskalender über Fermentation – ein Fermentskalender. 24 Türchen, hinter denen sich Erstaunliches aus der Geschichte der Fermentation, besondere Empfehlungen für eigene Reisen in den Mikrokosmos, weihnachtliche Zukunftsvisionen und natürlich ganz viel Besinnlichkeit verbergen. Auch einige Überraschungsgäste tauchen auf, teilen Rezepte mit uns oder schwärmen von ihren Lieblingsmikroben.

Viel Spaß dabei und habt eine schöne Adventszeit!

Fermentskalender - Türchen #22: Mode aus dem Mikrokosmos

Modisch und nachhaltig mit Mikroben

Wenn wir von Fermentation sprechen, denken wir an der Regel ans Essen. Doch dank Forschung und neuer Verfahren können uns Mikroorganismen noch bei viel nützlich sein. Zum Beispiel dabei, umwelt- oder klimaschädliche Materialien durch biologisch abbaubare, aber trotzdem hochfunktionale Biomaterialien zu ersetzen. Das ist in vielen Industriezweigen unbedingt nötig, unter anderem in der Textil- und Modeindustrie. Dank neuer Verfahren lassen sich viele Reststoffe, von Obstresten aus der Saftherstellung über Holzreste bis hin zu den Fasern der Ananaspflanze, die bei der Ernte in Massen anfallen, in Material für Taschen, T-Shirts und Co. verarbeiten.

In der Szene für nachhaltige Mode und Textilien wird schon länger auch mit Mikroorganismen experimentiert. Zum Beispiel bilden viele Bakterien und Mikroalgen natürlicherweise Farbstoffe, die anstelle von chemischen Farben in Textilien eingesetzt werden könnten. Genetisch modifizierte Mikroorganismen können auch Polymere, also Kunststoffe produzieren. Wir bräuchten dann also keine fossilen Rohstoffe mehr für die Herstellung von Kleidung aus ähnlichen Kunstfasern. Man kann aber auch die bakterielle Nanocellulose nutzen, die manche Bakterien ganz von sich aus produzieren. Klingt total abgefahren, bakterielle Nanocellulose, oder? Es handelt sich dabei aber einfach um die glibberigen Scobys, die wir in Türchen #6 kennengelernt haben. Das Material weist erstaunliche Eigenschaften auf und es gibt bereits seit einigen Jahren Firmen, die sich auf seine Verarbeitung spezialisiert haben. Ein Beispiel ist ScobyTec aus Sachsen-Anhalt, die aus bakterieller Nanocellulose Lederersatz entwickelt haben.

Gemeinsam mit Kolleginnen bei BIOCOM konzipiere ich Ausstellungen zu Bioökonomie, die dann der Öffentlichkeit zeigen sollen, was es alles schon an biobasierten Innovationen gibt. Wie hier für einen Stand auf der Grünen Woche 2020. Dabei zeigen wir auch immer innovative Biomaterialien, zum Beispiel Mode aus Holzfasern, Algen, zu Lederersatz verarbeiteten Obstresten – oder eben aus bakterieller Nanocellulose.

Bakterielle Nanocellulose kann noch viel mehr

Aber Ersatz für tierisches Leder ist nicht alles, wofür sich bakterielle Nanocellulose eignet. In getrockneter Form bildet sie ein festes und sehr leichtes Gewebe. ScobyTec erproben nun in einer Kooperation, wie gut sich das Material als Bauteil kleiner Satelliten eignet. Ein weiterer großer Vorteil dabei wäre, dass bakterielle Nanocellulose beim Eintritt in die Atmosphäre rückstandslos verbrennt. Fermentation im All ist uns in Türchen #19 ja schon einmal begegnet. Vielleicht werden Biergläser aus bakterieller Nanocellulose ja der letzte Schrei in Kneipen auf dem Mars?

In der Medizin finden sich für das Biomaterial ebenfalls zahlreiche Einsatzzwecke, von Wundauflagen bis hin zu Implantaten, weil es sehr biokompatibel ist, also selten vom Körper abgestoßen wird.

Fermentation kann also noch viel mehr als uns in Zukunft nachhaltig zu ernähren. Ein Thema für ein neues Buch?

Mehr zum Thema

Noch viele weitere biobasierte Trends und Innovationen im Bereicht Mode und Textilien habe ich zusammen mit meiner Kollegin Kristin Kambach für bioökonomie.de auf dieser interaktiven Webseite zusammengestellt. Kurzweilig, mit vielen Illustrationen und Videos.

Mehr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fermentation gibt es in meinem 2024 im Residenz Verlag erschienenen Buch „Revolution aus dem Mikrokosmos – Nachhaltige Ernährung durch Fermentation“. Zu kaufen überall, wo es Bücher gibt, zum Beispiel direkt auf der Seite des Verlags. Mehr zum Buch findet ihr auch hier auf meiner Webseite.

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1 Kommentar

  1. […] Der Geist beamt uns wieder vor das Haus, in dem die Familie an Heiligabend Raclette isst. Natürlich tut sie das auch in dieser Version der Zukunft, Tradition ist nunmal Tradition. Draußen schneit es und im Haus herrscht ausgelassene Stimmung. Gerade laden sich die Kinder und Erwachsenen allerlei Speisen in ihre Pfännchen. Vieles kennen wir, doch einiges ist auch noch hinzugekommen. Kleine Taler aus Pilzmyzel, fermentierte Pflanzenwurst und einiges, das wir noch nie gesehen haben, aber scheinbar gut schmeckt. Der Raclettekäse kommt natürlich aus Präzisionsfermentation. Die Großeltern braten auch einige Streifen Rinderfilet auf der Oberfläche des Racletteofens. Es kommt von Rindern, die in einem der vielen Naturschutzgebiete außerhalb der Stadt leben, in denen sie in niedrigen Bestandszahlen für den Erhalt der natürlichen Landschaft und zur Steigerung der Biodiversität beitragen. Die Jüngeren snacken lässig Scoby-Chips (siehe Türchen #6) aus einer Schüssel und tauschen sich über ihre eigenen kleinen BioTechReaktoren für die Fensterbank aus, die sie zu Weihnachten bekommen haben. Was sollen sie als erstes fermentieren? In dieser Zukunft ist Kleidung aus bakterieller Nanocellulose  übrigens der letzte Schrei (siehe Türchen #22). […]

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