Ein Adventskalender über Fermentation – ein Fermentskalender. 24 Türchen, hinter denen sich Erstaunliches aus der Geschichte der Fermentation, besondere Empfehlungen für eigene Reisen in den Mikrokosmos, weihnachtliche Zukunftsvisionen und natürlich ganz viel Besinnlichkeit verbergen. Auch einige Überraschungsgäste tauchen auf, teilen Rezepte mit uns oder schwärmen von ihren Lieblingsmikroben.
Viel Spaß dabei und habt eine schöne Adventszeit!
Fermentskalender - Türchen #23: Zukünftige Weihnacht (Teil 1)

Der Geist der zukünftigen Weihnacht
In Charles Dickens‘ „A Christmas Carol“ gibt es die Figur des Geistes der zukünftigen Weihnacht. Zugegebenermaßen kenne ich die Geschichte gar nicht aus dem Original von Dickens, sondern aus der Komödie „Die Geister, die ich rief“ mit Bill Murray. Jedenfalls wird die Hauptfigur Scrooge von drei Geistern heimgesucht und der dritte erscheint in Form eine düsteren Gestalt mit schwarzer Kutte. Er führt Scrooge vor Augen, wie übel die zukünftige Weihnacht aussehen wird, wenn er sich nicht ändert, sondern weiterhin egoistisch handelt. Manchmal denke ich, uns müsste auch so ein Geist besuchen, uns in die Zukunft mitnehmen und uns ganz konkret zeigen, wie sich unser heutiges Handeln auf die Welt und auf die Generationen nach uns auswirken wird. Deshalb geschieht das in diesem Türchen tatsächlich …
Eine unschöne Reise in die Zukunft
Der gruselige Geist mit der schwarzen Kutte, unter der man sein Gesicht nicht erkennen kann, erscheint uns also einen Tag vor Weihnachten und winkt uns mit seiner knochigen Hand, ihm zu folgen. Zuerst führt er uns durch von Wetterextremen verwüstete und entvölkerte Gegenden, die uns entfernt bekannt vorkommen. Viele Menschen mussten ihre Heimat verlassen, eine neue Zeit der Völkerwanderungen hat begonnen. Wo zu unserer Zeit noch ausgedehnte Wälder standen, reichen nun meist Rinderweiden bis an den Horizont. Moore, deren Wiedervernässung geplant war, wurden im Gegenteil inzwischen vollständig trockengelegt und in Ackerland verwandelt. Zu groß ist die weltweite Nachfrage nach Fleisch, Milch und Käse geworden, als das noch Platz für größere Ökosysteme geblieben wäre.
Der Geist zeigt uns auch eine Schule, in der Kinder mit Augmented-Reality-Kontaktlinsen die Tier- und Pflanzenwelt erleben, die für uns noch so selbstverständlich war, nun aber ein faszinierendes Relikt vergangener Zeiten. Viele von ihnen haben Verwandte an die letzte Pandemie verloren. Immer häufiger auftretende Wellen von Zoonosen, also Krankheiten, die sich von Tier auf Mensch übertragen, sind eine direkte Folge des Zurückdrängens natürlicher Lebensräume durch die Tierhaltung. Wir haben diesen Kindern eine instabile, artenarme Welt hinterlassen.
Obwohl die Produktivität der Landwirtschaft weiter angestiegen ist, wurde die Ernährungssituation unsicherer, weil Klimawandel, grassierende Pflanzen- und Tierkrankheiten und instabile Ökosysteme immer wieder zu großen Ernteausfällen und Schwankungen der Lebensmittelpreise führen.
Und dann gibt es da noch die vielen neuen Konflikte und Kriege um Ressourcen. Vor allem um Wasser, fruchtbares Land und die letzten größeren Bestände von Meerestieren.
Wir haben es damals, also der heutigen Gegenwart, nicht geschafft, die für eine nachhaltige Welt nötigen Hebel umzulegen. Obwohl wir die Möglichkeit dazu hatten.
Ein Weihnachtsabend in der Zukunft
Der Geist beamt uns vor ein Haus an einem warmen, regnerischen Heiligabend. Durch das Fenster können wir hineinsehen und dort sitzt eine Familie um den Tisch und isst zu abend. Natürlich Raclette, denn seit etwa hundert Jahren ist das Tradition. Auf den ersten Blick sieht alles ganz normal aus, doch dann fällt und auf, dass die Auswahl an Speisen viel geringer ist als heute. Kartoffeln gibt es kaum noch, erklärt uns der Geist, weil sich im feuchtwarmen Klima eine neue Art Krautfäule ausgebreitet und fast alle Ernten vernichtet hat. Ähnliches passiert immer wieder mit Getreide. Kaffee und Schokolade sind zu teuer geworden, zumindet für die Familie, bei der wir gerade durch das Fenster gucken.
Vor allem aber fällt euch die gedrückte Stimmung auf, die wohl von dem Wissen herrührt, dass in der Welt sehr vieles nicht in Ordnung ist. Auch in den meisten Familien nicht, denn den jungen Familienmitgliedern wird eine Welt mit zusammenbrechenden Ökosystemen und instabilem Klima hinterlassen.
Chance für Wandel
Was uns der Geist da alles zeigt, gefällt uns so gar nicht. Nichts davon war uns wirklich neu, doch es ist etwas ganz anderes, es mit eigenen Augen zu sehen. Doch dem Geist der zukünftigen Weihnacht geht es nicht um Doomerism*. Ja, er steht für Reue und auch für Angst, aber er symbolisiert auch die Chance für Wandel. Sonst könnte er sich den Besuch ja auch sparen. Indem er Scrooge eine mögliche Version der Zukunft zeigt, löst er bei ihm ein Umdenken aus und bringt ihn dazu, sein Verhalten zu überdenken und zu ändern. Manchmal glaube ich, dass auch wir so einen Besuch von einem Geist der zukünftigen Weihnacht dringend bräuchten. Aber statt uns nur zu zeigen, wie schlimm alles werden könnte, sollte er uns auch eine positive Zukunftsvision sehen lassen. Was könnten wir erreichen, wie könnte die Welt in einigen Jahrzehnten aussehen, wenn wir die Chance des Wandels ergreifen würden? Unter anderem, indem wir die Produktion unserer Lebensmittel erneuern? Diesen positiven Blick in die Zukunft habe ich mir für das letzte Türchen aufgehoben.
*Doomerism ist eine Haltung oder Weltanschauung, die von tiefem Pessimismus und Resignation angesichts globaler Probleme geprägt ist. Der Begriff leitet sich vom Internet-Slang Doomer ab, der eine Person beschreibt, die glaubt, dass die Welt auf einen unvermeidlichen Kollaps zusteuert.
Wenn es um die Zukunft geht, beherrschen dystopische Erzählungen die Unterhaltungsliteratur, Filme und Computerspiele. Und auch die Umweltbewegung ist in großen Teilen von Pessimismus und Fortschrittsskeptik geprägt, wenn es um unsere Zukunft geht. Frischen Wind bringt die noch junge Organisation WePlanet in die Umweltszene. Sie ist überzeugt davon, dass Wohlstand und Fortschritt kein Gegensatz zu einem stabilen Klima und einem Erhalt der Umwelt sind. Sie zeichnet ein optimistisches Bild einer Zukunft, in der wir mithilfe von technologischem Fortschritt eine sozialere und nachhaltigere Zukunft erreichen können.
(Disclaimer: ich bin momentan Mitglied im Vorstand von WePlanet und daher in dieser Sache nicht objektiv. Mehr dazu findet ihr unter Über Martin)
Mehr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fermentation gibt es in meinem 2024 im Residenz Verlag erschienenen Buch „Revolution aus dem Mikrokosmos – Nachhaltige Ernährung durch Fermentation“. Zu kaufen überall, wo es Bücher gibt, zum Beispiel direkt auf der Seite des Verlags. Mehr zum Buch findet ihr auch hier auf meiner Webseite.
