Ein Adventskalender über Fermentation – ein Fermentskalender. 24 Türchen, hinter denen sich Erstaunliches aus der Geschichte der Fermentation, besondere Empfehlungen für eigene Reisen in den Mikrokosmos, weihnachtliche Zukunftsvisionen und natürlich ganz viel Besinnlichkeit verbergen. Auch einige Überraschungsgäste tauchen auf, teilen Rezepte mit uns oder schwärmen von ihren Lieblingsmikroben.
Viel Spaß dabei und habt eine schöne Adventszeit!
Fermentskalender - Türchen #24: Zukünftige Weihnacht (Teil 2)

Ein zweiter Besuch des Geistes
In Türchen #23 hat uns der Geist der zukünftigen Weihnacht besucht und ganz im Stile von Dickens‘ Erzählung hat uns der Geist mit einer schlimmen Zukunft konfrontiert, in der unser heutiges Verhalten zu viel Schlimmen führt. Doch über die Jahre ist der Geist öko-progressiv geworden und verfolgt einen pädagogisch neuen Ansatz: er will uns auch eine positive Version der Zukunft zeigen.
Eine schöne Reise in die Zukunft
Also geht es wieder in die Zukunft und diesmal treffen wir eine ganz andere Welt vor. Außerhalb von modernen Städten und Dörfern erstrecken sich Wälder, Fluss- und Seelandschaften, Moore und wilde Weiden. Es gibt auch noch Felder, so ist es nicht, aber viel weniger als heute. Das Klima scheint in Ordnung und ein Blick auf das CO2-Messgerät, das der Geist inzwischen immer dabei hat, verrät uns, dass sich die Konzentration in der Atmosphäre nicht nur stabilisiert, sondern verringert hat. Konsequent wurde seit den spätern 2020er Jahren die Produktion von Lebensmitteln und vielen anderen Dingen auf Bioreaktoren und Bioraffinerien umgestellt. Die Landnutzung nahm rapide ab und Stoffkreisläufe schlossen sich. Da man fast alles als Futter für irgendeinen Mikroorganismus nutzen konnte (siehe Türchen #17), der daraus irgendein nützliches Produkt herstellte. (siehe Türchen #16 und #18), gab es bald schon keinen wirklichen Abfall mehr und dann wurde sogar der Kohlenstoff in der Atmosphäre zur Ressource (siehe Türchen #20) und seine Konzentration nahm langsam wieder ab.
Sich stabilisierende klimatische Verhältnisse ließen Ökonomien weltweit aufatmen und viele Konflikte entspannten sich. In den meisten Kulturen fand eine Umstellung der Ernährung von Tieren hin zu Einzellern statt, was nicht nur große Effizienz und Unabhängigkeit mit sich brachte (siehe Türchen #13), sondern auch die allgemeine Gesundheitssituation verbesserte und das moralitsche Dilemma beeindete, dass die industrielle Tierhaltung für viele Gesellschaften mit sich brachte. Da der Druck auf die Produktion sank, wurden alternative Konzepte wie sehr artenreiche, extensive Weiden mit viel Auslauf für die Tiere möglich.

Ein Weihnachtsabend in der Zukunft
Der Geist beamt uns wieder vor das Haus, in dem die Familie an Heiligabend Raclette isst. Natürlich tut sie das auch in dieser Version der Zukunft, Tradition ist nunmal Tradition. Draußen schneit es und im Haus herrscht ausgelassene Stimmung. Gerade laden sich die Kinder und Erwachsenen allerlei Speisen in ihre Pfännchen. Vieles kennen wir, doch einiges ist auch noch hinzugekommen. Kleine Taler aus Pilzmyzel, fermentierte Pflanzenwurst und einiges, das wir noch nie gesehen haben, aber scheinbar gut schmeckt. Der Raclettekäse kommt natürlich aus Präzisionsfermentation. Die Großeltern braten auch einige Streifen Rinderfilet auf der Oberfläche des Racletteofens. Es kommt von Rindern, die in einem der vielen Naturschutzgebiete außerhalb der Stadt leben, in denen sie in niedrigen Bestandszahlen für den Erhalt der natürlichen Landschaft und zur Steigerung der Biodiversität beitragen. Die Jüngeren snacken lässig Scoby-Chips (siehe Türchen #6) aus einer Schüssel und tauschen sich über ihre eigenen kleinen BioTechReaktoren für die Fensterbank aus, die sie zu Weihnachten bekommen haben. Was sollen sie als erstes fermentieren? In dieser Zukunft ist Kleidung aus bakterieller Nanocellulose übrigens der letzte Schrei (siehe Türchen #22).
Diese nachhaltige Zukunft, in der wir Klimawandel und Artensterben stoppen und eine lebenswerte, stabile Welt für kommende Generationen schaffen konnten, war maßgeblich durch eine Revolution aus dem Mikrokosmos und andere biologische Innovationen möglich: wir haben uns die Vielfalt der Natur und unseren eigenen Erfindergeist zunutze gemacht, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen und den Erhalt unseres Wohlstands von der Biosphäre zu entkoppeln.
Plädoyer für positive Zukunftsvisionen
Klar, für manche klingen solche positiven Zukunftsbilder sehr naiv und für andere wie Propaganda. Ich finde aber, dass uns ein Austausch über solche Zukunftsbilder helfen kann, unsere gemeinsamen Ziele zu erkennen oder auch herauszufinden, wo wir unterschiedliche Ideen haben, wie die Zukunft aussehen sollte. Dann können wir Zielkonflikte erkennen und unterschiedliche Interessen besser aushandeln, um dann Wege und Mittel zu definieren, wie wir eine solche Zukunft erreichen wollen. Klar, am Ende kommt es eh alles anders als gedacht. Aber positive, optmistische Zukunftsbilder können meiner Ansicht nach viel eher für einen Wandel motivieren als pessimistische. Sie machen Mut, statt Angst und machen uns alle zu Akteur:innen, statt zu resignierenden Statist:innen. Eine gute Zukunft für kommende Generationen liegt absolut im Bereich des Möglichen. Packen wir’s an.
Ich hoffe, der Fermentskalender hat euch gefallen? Lasst mir doch sehr gern ein Kommentar da. Auch, wenn ihr bestimmte Dinge vermisst, Fragen habt oder auch ganz anderer Ansicht seid.
Frohe Weihnachten 🙂
Positive Zukunftsbilder beschäftigen mich immer wieder. Für diesen Artikel habe ich beispielsweise eine für die Landwirtschaft entworfen, zusammen mit Robert Hoffie.
Mehr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fermentation gibt es in meinem 2024 im Residenz Verlag erschienenen Buch „Revolution aus dem Mikrokosmos – Nachhaltige Ernährung durch Fermentation“. Zu kaufen überall, wo es Bücher gibt, zum Beispiel direkt auf der Seite des Verlags. Mehr zum Buch findet ihr auch hier auf meiner Webseite.
