Ein Adventskalender über Fermentation – ein Fermentskalender. 24 Türchen, hinter denen sich Erstaunliches aus der Geschichte der Fermentation, besondere Empfehlungen für eigene Reisen in den Mikrokosmos, weihnachtliche Zukunftsvisionen und natürlich ganz viel Besinnlichkeit verbergen. Auch einige Überraschungsgäste tauchen auf, teilen Rezepte mit uns oder schwärmen von ihren Lieblingsmikroben.
Viel Spaß dabei und habt eine schöne Adventszeit!
Fermentskalender - Türchen #4: Jungsteinzeitenwende

Die Geschichte unserer Beziehung zur Fermentation reicht noch sehr viel weiter zurück als die Weihnachtsgeschichte. Und da sie auch sehr viel seltener erzählt wird, werde ich hinter einigen Türchen dieses Fermentskalenders historische Begebenheiten und Fakten aus der Geschichte der Fermentation verstecken, die mich selbst besonders faszinieren und euch vielleicht auch.
Fermentiert wurde schon lange vor der Landwirtschaft
Wie weit unser Hang zu Fermentiertem evolutionsbiologisch zurückliegt war Thema in Türchen #1. Und auch in der Menschheitsgeschichte (laut Wikipedia die Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis heute) muss man fast bis an die Anfänge zurückblicken, um die ersten Hinweise auf eine gezielte Anwendung von Fermentation zu finden. Die Erforschung der Geschichte der Fermentation unterliegt zwar einigen Limitationen, da Rückstände fermentierter Lebensmittel fast immer nur indirekt nachgewiesen werden können, doch in der Forschung ist man sich inzwischen ziemlich einig, dass alles bereits während der Jungsteinzeit begann. Also vor etwa zehn- bis zwölftausend Jahren. Und zeitgleich mit dem Aufkommen der Fermentation und wahrscheinlich auch maßgeblich durch diese beeinflusst kündigte sich damals eine Zeitenwende an, die Gemeinschaften weltweit aus dem Nomadentum in die Sesshaftigkeit führte (zu dieser Zeit hatten Zeitenwenden ihren Namen wirklich noch verdient). Fermentation kam also nicht erst auf, um saisonale Überschüsse aus der Landwirtschaft haltbar zu machen. Stattdessen gibt es sie schon viel länger und manche vermuten, dass der Wunsch nach mehr fermentierten Speisen und Getränken sogar umgekehrt die Entwicklung der Landwirtschaft vorangetrieben hat.
Wer hat's erfunden?
Besonders faszinierend ist, dass sich im historischen Maßstab fast zeitgleich an vielen unterschiedlichen Orten der Welt die sogenannte Neolithische Revolution abspielte, also der Übergang vom Jagen und Sammeln zum sesshaften Betreiben von Landwirtschaft und Tierhaltung. Diese Geschehnisse sind immer noch Gegenstand genauerer Erforschung, ebenso wie die Fermentation, die ebenfalls viele Male unabhängig voneinander überall auf der Welt erfunden, beziehungsweise entdeckt wurde.
Darüber, wer den ältesten Fermentationsfund macht, ist in der Wissenschaft ein richtiger Wettbewerb entstanden. Hier nur einige Beispiele für Anwärter auf das Treppchen:
- Ein Team um den renommierten Anthropologen Patrick E. McGovern fand 2004 Rückstände von einer Art Wein aus Reis, Früchten und Honig in 9000 Jahre alten Tongefäßen in China.
- 2018 fand man auch Hinweise im heutigen Georgien, die auf die Fermentation von Weintrauben im großen Stil vor 8000 Jahren hinweisen
- In Skandinavien wurden 2016 Hinweise auf fermentierten Fisch gefunden, die etwa 9200 Jahre alt sind.
Was uns die Fermentation über die Entstehung unserer Gesellschaft verrät
Solche Funde sind viel mehr als nur Hinweise darauf, wie in der Jungsteinzeit bereits Lebensmittel zubereitet und haltbar gemacht wurden. Man kann dank moderner DNA-Analysen zum Beispiel die Ko-Evolution von Mensch und domestizierten Mikroorganismen erforschen und die Verbreitung unterschiedlicher Kulturen und Volksgruppen nachverfolgen.
Vor allem aber erzählen uns solche Funde auch etwas darüber, wie und wann der menschheitsgeschichtlich revolutionäre Übergang von umherziehenden Gruppen von Jägern und Sammlern hin zu sesshaften Gemein- und Gesellschaften vonstatten ging. Sie können beispielsweise ein Indiz für sogenannte delayed return societies sein. Im Gegensatz zum Sammeln und Jagen, wobei man an dem bedient, was die Natur einem gerade anbietet, verwenden delayed return societies Praktiken wie den Anbau von Pflanzen oder die Zucht von Tieren, wobei man Arbeit investiert, deren „Früchte“ erst in Zukunft (also verzögert, engl. delayed) und mit einer gewissen Unsicherheit geerntet werden können. Das ist eine grundlegend andere Lebensweise, mit der Sesshaftigkeit und viele andere Konsequenzen bis hin zu unserem heutigen Wirtschaftssystem einhergehen. Fermentation wiederum war eine Möglichkeit, Lebensmittel über Zeiträume hinweg haltbar zu machen, in denen nichts geerntet wurde und ihre Anwendung im großen Stil ist damit ein starkes Indiz für die Enstehung solcher Ökonomien beziehungsweise Gesellschaften.

Eine besonders spannende Ausgrabungsstätte in diesem Zusammenhang ist Göbekli Tepe in der heutigen Türkei. Dort haben scheinbar noch bevor Menschen sesshaft wurden (weit und breit gibt es keine Anzeichen für Siedlungen) große Versammlungen und erste größere spirituelle Zeremonien stattgefunden, bei denen Fermentiertes eine zentrale Rolle gespielt haben könnte. Mehr dazu gibt’s auch in meinem Buch nachzulesen. In einem späteren Türchen werde ich noch ein bisschen mehr darüber erzählen, welche wichtige Rolle Feiern und Schlemmen für die Entstehung unserer Gesellschaften spielten.
Noch etwas Persönliches: Im Zuge meiner Recherchen habe ich mich auch intensiv mit Patrick E. McGovern (dem berühmten Fermentationsforscher von weiter oben) ausgetauscht. Nachdem ich ihm zum Dank als einer der ersten ein Exemplar des fertigen Buches geschickt hatte, hat er mir eine sehr nette und sympathische E-Mail geschickt, die ich noch mit euch teilen will. Schließlich ist ja bald Weihnachten und da gehört Nettsein ja einfach dazu.

Eine ganz aktuelle Publikation berichtet von der Herstellung von Kefir in der Bronzezeit, vor etwa 3500 Jahren. Die Autor:innen der Studie ziehen daraus allerlei interessante Schlüsse.
Patrick E. McGovern hat ein tolles Buch über die Geschichte der (alkoholischen) Fermentation in den unterschiedlichsten Weltregionen geschrieben: „Uncorking the Past“. Bisher leider nur auf Englisch erhältlich.
Mehr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fermentation gibt es in meinem 2024 im Residenz Verlag erschienenen Buch „Revolution aus dem Mikrokosmos – Nachhaltige Ernährung durch Fermentation“. Zu kaufen überall, wo es Bücher gibt, zum Beispiel direkt auf der Seite des Verlags. Mehr zum Buch findet ihr auch hier auf meiner Webseite.

[…] auch sehr viel seltener erzählt wird, werde ich hinter einigen Türchen (bisher Türchen #1 und #4) dieses Fermentskalenders historische Begebenheiten und Fakten aus der Geschichte der Fermentation […]
[…] sie auch sehr viel seltener erzählt wird, werde ich hinter einigen Türchen (bisher Türchen #1, #4 und #7) dieses Fermentskalenders historische Begebenheiten und Fakten aus der Geschichte der […]
[…] #1 habe ich weit in unsere evolutionsbiologische Vergangenheit geblickt, dann gab es hinter Türchen #4 einen Sprung in die Jungsteinzeit, bevor es in Türchen #7 dann um die Rolle von Bier und Co. bei […]