Ein Adventskalender über Fermentation – ein Fermentskalender. 24 Türchen, hinter denen sich Erstaunliches aus der Geschichte der Fermentation, besondere Empfehlungen für eigene Reisen in den Mikrokosmos, weihnachtliche Zukunftsvisionen und natürlich ganz viel Besinnlichkeit verbergen. Auch einige Überraschungsgäste tauchen auf, teilen Rezepte mit uns oder schwärmen von ihren Lieblingsmikroben.
Viel Spaß dabei und habt eine schöne Adventszeit!

Die Geschichte unserer Beziehung zur Fermentation reicht noch sehr viel weiter zurück als die Weihnachtsgeschichte. Und da sie auch sehr viel seltener erzählt wird, werde ich hinter einigen Türchen (bisher Türchen #1 und #4) dieses Fermentskalenders historische Begebenheiten und Fakten aus der Geschichte der Fermentation verstecken, die mich selbst besonders faszinieren und euch vielleicht auch.
Schlemmereiforschung
Brian Hayden hat ein faszinierendes Forschungsfeld. Er erforscht „Feasting“, also das Feiern von Festen, bei denen ordentlich geschlemmt und getrunken wird. Im Zuge meiner Recherchen für mein Buch stieß ich auf seine Publikationen und, genau wie Patrick E. McGovern (siehe Türchen #4), antwortete Brian mir prompt auf meine Kontaktaufnahme und wir hatten einen wirklich spannenden und angenehmen Austausch. Vielleicht hatte ich zweimal Glück, vielleicht sind Menschen, die Feste und Fermentation erforschen passenderweise einfach nette und entspannte Menschen. Wie auch immer, jedenfalls erforscht Hayden die Bedeutung von Festen über die Menschheitsgeschichte und über Weltregionen hinweg. In meinem Buch nenne ich ihn einen Schlemmereiforscher, denn darum geht es hauptsächlich: es wurde geschlemmt, also viel mehr gegessen und getrunken, als man das normalerweise tat. Dadurch waren Feste schon immer eine Investition. Sie sind es heute noch, aber noch viel mehr waren sie es in Zeiten, in denen Lebensmittel noch viel weniger verfügbar waren und satt zu sein viel weniger selbstverständlich war.
Eine Hand wäscht die andere: Die Schattenseite von Festen und Fermentation
Hayden erforscht dieses Thema schon viele Jahrzehnte und ich kann hier nur einiges davon sehr verkürzt darstellen. Eine Kernthese von ihm ist, dass das Ausrichten von Festen zu sozialer Interaktion führte, unter anderem zu Abhängigkeiten. Menschen, die Zugang zu Überschüssen hatten, konnten zu Festen einladen und dadurch an Einfluss gewinnen. Menschen mit Einfluss konnten Gefallen einfordern, um an noch mehr Überschüsse zu gelangen, zum Beispiel, indem sie andere für sich arbeiten ließen oder mit ihrer Hilfe auf Beutezug gingen.
Hayden geht dabei davon aus, dass vor allem auch fermentierte (= alkoholhaltige) Getränke hier eine große Rolle spielten. Aber auch erste Backwaren und andere verfeinerte Dinge waren eine ganz neue Art von Lebensmittel, die viel Begehren weckte. Quasi als soziale Schattenseite der Fermentation bildete sich dadurch mehr und mehr eine soziale Ungleichheit heraus, so Hayden. Und auch andere Forscher:innen halten es für keinen Zufall, dass zeitgleich mit dem Aufkommen von Fermentation auch soziale Ungleichheit erstmals auf den Plan trat.
Festlichkeiten hatten aber bestimmt nicht nur negative Auswirkungen. Sie stärkten auch positive soziale Bindungen und konnten, zumindest kurzfristig, auch zu mehr Gleichheit beitragen: Beispielsweise könnte Alkoholeinfluss schon sehr früh dafür gesorgt haben, dass ansonsten weniger kommunikative Gemeinschaftsmitglieder ihre Gedanken freier äußerten als sie sich das normalerweise getraut hätten und sich die sonst üblichen Hierarchien für kurze Zeit verwischten.
Erst das Vergnügen, dann die Arbeit? Eine neue Perspektive auf die Entstehung unserer Gesellschaft
Hayden geht sogar so weit zu spekulieren, dass der Übergang von umherziehenden zu sesshaften Gemeinschaften nicht durch Veränderungen der Umweltbedingungen erzwungen wurde, sondern eigentlich eine soziale Innovation war. Getrieben durch den egoistischen Wunsch nach Prestige und Macht mancher Mitglieder der Gemeinschaften. Immer größere Vorräte wurden angelegt, man blieb länger und irgendwann ständig am selben Ort, schützte sein neu erworbenes Eigentum vor anderen, gründete Siedlungen, entwickelte Tierhaltung Landwirtschaft (da man ja nicht mehr den Herden hinterherziehen konnte) und immer komplexere soziale Strukturen bildeten sich heraus. In dieser Theorie erscheint es wahrscheinlicher, dass die Herstellung fermentierter Speisen und Getränke dem Ackerbau vorangingen. Nicht nur, weil ihre Herstellung methodisch viel einfacher und daher naheliegender ist. Vielleicht war es sogar so, dass die Nachfrage nach fermentierten Lebensmitteln für Festlichkeiten die Entwicklung des Ackerbaus vorangetrieben hat. Waren fermentierte Leckereien also nicht die Folge von Überschüssen aus der harten Arbeit in der Landwirtschaft, sondern einer der Hauptgründe, sich die Plackerei anzutun? Kam etwa erst das Vergnügen und dann die Arbeit?
Man kann Haydens Theorien zustimmen oder nicht. Auf jedenfall präsentieren sie eine faszinierende Perspektive auf die Entstehung unserer Gesellschaft und die Rolle, die Feste und Fermentation dabei spielten.
Brian Hayden hat eine eigene Webseite. Lohnt sich, dort bei Interesse mal reinzuschauen.
In seinem Buch „Warum die Menschen sesshaft wurden“ vertritt auch Josef H. Reichholf die These, dass die Fermentation dem Ackerbau vorausging und eine Motivation für diesen darstellte. Auch mit ihn habe ich einen Austausch gehabt, mehr zu diesem ganzen Thema findet sich in meinem Buch (s. u.)
Mehr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fermentation gibt es in meinem 2024 im Residenz Verlag erschienenen Buch „Revolution aus dem Mikrokosmos – Nachhaltige Ernährung durch Fermentation“. Zu kaufen überall, wo es Bücher gibt, zum Beispiel direkt auf der Seite des Verlags. Mehr zum Buch findet ihr auch hier auf meiner Webseite.

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[…] geblickt, dann gab es hinter Türchen #4 einen Sprung in die Jungsteinzeit, bevor es in Türchen #7 dann um die Rolle von Bier und Co. bei der Entstehung unserer Gesellschaften ging. Hinter Türchen […]