Ein Adventskalender über Fermentation – ein Fermentskalender. 24 Türchen, hinter denen sich Erstaunliches aus der Geschichte der Fermentation, besondere Empfehlungen für eigene Reisen in den Mikrokosmos, weihnachtliche Zukunftsvisionen und natürlich ganz viel Besinnlichkeit verbergen. Auch einige Überraschungsgäste tauchen auf, teilen Rezepte mit uns oder schwärmen von ihren Lieblingsmikroben.
Viel Spaß dabei und habt eine schöne Adventszeit!
Fermentskalender - Türchen #1: Wie alles begann

Die Geschichte unserer Beziehung zur Fermentation reicht noch sehr viel weiter zurück als die Weihnachtsgeschichte. Und da sie auch sehr viel seltener erzählt wird, werde ich hinter einigen Türchen dieses Fermentskalenders historische Begebenheiten und Fakten aus der Geschichte der Fermentation verstecken, die mich selbst besonders faszinieren und euch vielleicht auch.
Die Fermentation und wir - eine uralte Liebe
Das früheste Highlight ist für mich die Tatsache, wie lange die Ursprünge unserer engen Beziehung zur Fermentation bereits zurückliegen. Forscher:innen gehen heute davon aus, dass sie etwa 10 Millionen Jahre zurückreichen. Damals hat natürlich noch niemand absichtlich etwas fermentiert. Unsere damals lebenden Vorfahren (die wahrscheinlich auch die Vorfahren aller anderen heutigen Primaten sind) glichen noch eher Nagetieren als euch oder anderen Affen. Sie hatten aber schon mindestens eine Sache mit uns Menschen gemeinsam: einen gewissen Hang zu fermentierten Nahrungsmitteln. Und dies begab sich wie folgt (*vorweihnachtliche Stimme*) …
Überall dort, wo Zucker auf die Abwesenheit von Sauerstoff trifft, finden manche Arten von Hefepilzen die perfekten Bedingungen vor, um sich wohlzufühlen und sich zu vermehren. In der Natur kommt ein solches Milieu zum Beispiel im Inneren von reifen Früchten oder auch in mit süßem Nektar gefüllten Blüten vor. Über Insekten, die sich an beidem Bedienen, oder auch über eine beschädigte Fruchtschale gelangen die Hefen hinein, laben sich am Zucker und produzieren als ein Nebenprodukt ihres Stoffwechsels Alkohol (genauer gesagt Ethanol). Am auf diesem Wege vergorenen Nektar bestimmter Pflanzenarten tat sich unser Vorfahre regelmäßig gütlich. Und das nicht zu knapp. Studieren können Forscher:innen dieses Verhalten auch heute noch, an in Malaysia lebenden Nachfahren, die dem kletternden Urprimaten noch sehr ähneln. Bei vielen anderen seiner Nachfahren kann ein Konsum alkoholhaltiger Früchte beobachtet werden, zum Beispiel bei manchen Brüllaffenarten. Dass es dieses Verhalten schon so lange gibt, so momentaner wissenschaftlicher Konsens, hat dazu geführt, dass wir Primaten eine verhältnismäßig hohe Toleranz gegen das Gift Alkohol aufweisen.
Was ist der Vorteil fermentierter Pflanzen?
Hat man bei Tieren ein bestimmtes Verhalten festgestellt, ist in der Evolutionsbiologie in der Regel eine Frage nicht weit: worin liegt sein evolutionärer Vorteil? Oder sind alkoholisierte Früchte womöglich so verlockend, dass ein Verlangen nach ihnen trotz Nachteile für den Genpool immer wieder die Oberhand gewinnt? Ich habe bisher in der Fachliteratur von zwei Theorien gelesen, warum diese Vorliebe durchaus Vorteile haben könnte.
Die erste lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Früchte, die viel Zucker enthalten, sind kalorienreich und deshalb eine begehrte Energiequelle. Da meist viele Früchte mehr oder weniger gleichzeitig reif sind und es außerdem nicht lange dauert, bis sie überreif sind und verderben, muss man vor allem schnell sein und möglichst viel auf einmal verschlingen können, um etwas abzubekommen. Doch wie bekommt man von den reifen Früchten Wind? Über den Wind. Hier kommt eine chemische Eigenschaft des Alkohols ins Spiel, denn im Gegensatz zu Wasser ist er viel flüchtiger und trägt den Duft nach (fermentierten) Früchten über weite Entfernungen. Die Tiere werden also vom Alkohol angelockt.
Der zweiten Theorie zufolge ist es von Vorteil, fermentierte Früchte und ganz allgemein fermentierte Pflanzen zu (fr)essen, da diese einen höheren Nährwert aufweisen. Achtung, das hört sich nun etwas unappetitlich an, aber es ist wirklich die beste Art es zu beschreiben. Fermentation stellt eine Art Vorverdauung dar. Die Mikroorganismen zerlegen einen Teil der komplexeren, pflanzlichen Moleküle in kleinere. Manche dieser Moleküle, zum Beispiel komplexere Zucker, würden wir größtenteils einfach wieder ausscheiden, ohne dass wir die in ihnen enthaltenen Kalorien aufnehmen. Andere Stoffe, die in Pflanzen enthalten sind, sind für uns ungesund oder beeinträchtigen die Aufnahme anderer Nährstoffe (das ist tatsächlich gar keine Seltenheit. Pflanzen haben sich evolutionär schließlich nicht unbedingt mit der Priorität entwickelt, möglichst gesund für uns zu sein). Bei Fermentation werden solche unerwünschten Stoffe häufig abgebaut. Und als dritten Bonus bringen Mikroorganismen wichtige Nährstoffe in die Pflanzen, die darin vorher gar nicht enthalten waren. Wie zum Beispiel das für uns essenzielle Vitamin B12.
Beide Theorien widersprechen sich gar nicht, im Gegenteil. Und die zweite besteht bis heute fort: irgendwann haben wir gelernt, die Fermentation gezielt für uns zu nutzen und so unsere Lebensmittel bekömmlicher, nährstoffreicher und haltbarer zu machen. Und, um das ein oder andere Fest zu feiern. Doch davon in späteren Türchen mehr …
Wissenschaftliche Quellen zur Erforschung der Ursprünge der Fermentation findet ihr u. a. in dieser frei zugänglichen Publikation. von Oliver E. Craig und in dieser hier von Kathrine R. Amato und Kolleg:innen.
Mehr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fermentation gibt es in meinem 2024 im Residenz Verlag erschienenen Buch „Revolution aus dem Mikrokosmos – Nachhaltige Ernährung durch Fermentation“. Zu kaufen überall, wo es Bücher gibt, zum Beispiel direkt auf der Seite des Verlags. Mehr zum Buch findet ihr auch hier auf meiner Webseite.

[…] weit unser Hang zu Fermentiertem evolutionsbiologisch zurückliegt war Thema in Türchen #1. Und auch in der Menschheitsgeschichte (laut Wikipedia die Geschichte der Menschheit von der […]
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