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Ein Adventskalender über Fermentation – ein Fermentskalender. 24 Türchen, hinter denen sich Erstaunliches aus der Geschichte der Fermentation, besondere Empfehlungen für eigene Reisen in den Mikrokosmos, weihnachtliche Zukunftsvisionen und natürlich ganz viel Besinnlichkeit verbergen. Auch einige Überraschungsgäste tauchen auf, teilen Rezepte mit uns oder schwärmen von ihren Lieblingsmikroben.

Viel Spaß dabei und habt eine schöne Adventszeit!

Fermentskalender - Türchen #17: Essen aus Holz

Ein unweihnachtliches Gedankenexperiment

Während der Recherchen für mein Buch „Revolution aus dem Mikrokosmos“ bin ich auf viele spannende Publikationen gestoßen. Eine davon beschäftigt sich mit der beängstigenden Frage, wie die Menschheit sich ernähren könnte, falls in kurzer Zeit die gesamte Lebensmittelproduktion zusammenbräche oder zumindest dramatisch reduziert würde. Kein schönes Thema für die Vorweihnachtszeit, aber leider könnte das tatsächlich passieren. Denn so gut wie die gesamte Produktion beruht auf Ackerbau, bei dem Nutzpflanzen per Photosynthese das Sonnenlicht nutzen, um Kohlenstoffdioxid in Kalorien in Form von Kohlenhydraten zu verwandeln. Wenn durch ein Ereignis das Sonnenlicht daran gehindert würde, in seiner gewohnten Stärke auf die Erdoberfläche zu gelangen, wäre auch sehr schnell Schluss mit Ackerbau. Und damit auch mit der Produktion von unserem Essen. Solche Ereignisse könnten zum Beispiel der Ausbruch sogenannter Supervulkane, ein Einschlag von Meteoriten oder ein nuklearer Winter sein. Es gäbe noch einige Zeit Vorräte, aber auch die wären ziemlich schnell aufgebraucht. Auch auf andere Arten könnte die Landwirtschaft global in Mitleidenschaft gezogen werden, zum Beispiel durch den Ausbruch aggressiver Pflanzenkrankheiten und nicht zuletzt auch durch Folgen des Klimawandels. Die Autoren der Studie haben sich gefragt: wie könnte die Menschheit fünf Jahre eines solchen Zustands überbrücken, ohne dass es zu Hungersnot oder gar einem kompletten Zusammenbruch der Zivilisation kommt?

Aus Holz wird Essen

Long story short: eine Hauptantwort ist mal wieder, dass Mikroorganismen uns vor dem Untergang bewahren können. Vorausgesetzt es würde vorgesorgt, im Notfall schnell genug gehandelt und zusammengearbeitet werden. Denn dann könnten im großen Maßstab Technologien zum Einsatz kommen, bei denen aus nicht-landwirtschaftlichen Ressourcen essbare, mikrobielle Biomasse hergestellt werden kann. Denn es gibt mikrobielle Pilze und auch Bakterien, die keine Nutzpflanzen als Futter brauchen, sondern zum Beispiel Holz fressen (denkt einfach mal an Pilze im Wald. Die machen auch nichts anderes). In Finnland hat man schon in den 1960er Jahren einen Prozess entwickelt, bei dem die Reste aus Papiermühlen (bestehen hauptsächlich aus Lignin und sind für uns vollkommen ungenießbar) an solche einzelligen Pilze verfüttert wurden, die dann wiederum als Tierfutter eingesetzt werden konnten. Genauso könnte man aber auch für uns direkt essbare Pilzmasse produzieren. Wäre also die Sonne durch ein Unglück verdunkelt, könnten wir mit Bioreaktoren, die mit den entsprechenden Mikroorganismen bestückt sind, eine auf Holz statt auf Landwirtschaft basierende Lebensmittelproduktion aufbauen. Wenn es wirklich ein solches Katastrophenszenario ist, dann wird ein Teil der natürlichen Vegetation ohnehin ebenfalls absterben und mit Bioreaktoren könnten wir sie zumindest in Essen umwandeln, um über die Runden zu kommen. Zu den anderen Technologien, die uns laut der Studie retten könnten, gehören übrigens noch die Umwandlung von Methan, Erdöl oder Erdgas in essbare Mikroben. Je nachdem, wie überraschend der Zusammenbruch kommt und wie groß unsere Vorräte in dem Moment sind, haben wir in etwa ein Jahr Zeit, um die Produktion in Gang zu bringen.

Wie die Kuh, nur ohne Kuh

Aber auch ganz ohne globale Katastrophe könnten wir darüber nachdenken, zumindest einen Teil unserer Lebensmittelproduktion unabhängig von der Landwirtschaft zu machen. Und Holz zu verwerten müsste nicht unbedingt heißen, dafür Bäume zu fällen. Man könnte anfallende Reste verfüttern, statt sie zu verbrennen. Auch andere Biomasse, die wir nicht essen können, wie zum Beispiel Stroh und Gras könnten genutzt werden. In einem Kuhmagen passiert übrigens gar nicht so viel anderes: Weder wir, noch die Kuh können die im Gras enthaltenen Fasern verwerten. Das übernehmen die im Pansen lebenden Mikroorganismen, die dann wiederum von der Kuh verdaut werden. Ein Bioreaktor funktioniert im Prinzip genauso.

PS: Das mit der Gasfermentation, also der Produktion von Essen „aus Luft“, kommt in einem späteren Türchen noch einmal etwas genauer.

Mehr zum Thema

Hier geht es zu besagter Studie. Sie ist leider nicht komplett frei zugänglich, aber die Passagen, die man zu lesen bekommt, sind auch schon sehr spannend.

Mehr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fermentation gibt es in meinem 2024 im Residenz Verlag erschienenen Buch „Revolution aus dem Mikrokosmos – Nachhaltige Ernährung durch Fermentation“. Zu kaufen überall, wo es Bücher gibt, zum Beispiel direkt auf der Seite des Verlags. Mehr zum Buch findet ihr auch hier auf meiner Webseite.

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