E-Mail

info@martins-mikrokosmos.de

Ein Adventskalender über Fermentation – ein Fermentskalender. 24 Türchen, hinter denen sich Erstaunliches aus der Geschichte der Fermentation, besondere Empfehlungen für eigene Reisen in den Mikrokosmos, weihnachtliche Zukunftsvisionen und natürlich ganz viel Besinnlichkeit verbergen. Auch einige Überraschungsgäste tauchen auf, teilen Rezepte mit uns oder schwärmen von ihren Lieblingsmikroben.

Viel Spaß dabei und habt eine schöne Adventszeit!

Fermentskalender - Türchen #18: Das wahre Bio (Präzisionsfermentation)

Biotechnologie ist besser als ihr Ruf. Viel besser.

Wenn man sich näher mit dem Thema Biotechnologie und Gentechnik auseinandersetzt, kommt meist der Moment, in dem man sich wie ein Verschwörungstheoretiker fühlt. Weil bei kaum einem anderen Thema die wissenschaftliche und die öffentliche Einschätzung so weit auseinander liegen und fast alle einen schief angucken, wenn man Gentechnik nicht total doof findet. Und es ist nicht nur so, dass die Risiken dank jahrzehntelanger (und sehr lukrativer) Kampagnen von fehlgeleiteten Umweltvereinen komplett überschätzt und das Potenzial für mehr Nachhaltigkeit extrem unterschätzt werden. Es wird auch einfach ignoriert, was Biotechnologie schon heute alles für uns leistet. Und das trotz aller Widerstände und grottenschlechtem Image. Dank biotechnologisch hergestellter Enzyme kann beispielsweise seit einigen Jahrzehnten bei niedrigen Temperaturen Wäsche gewaschen werden, was bis heute unglaublich große Mengen Energie eingespart haben muss (kennt jemand Zahlen?). Zahlreiche Medikamente werden biotechnologisch hergestellt und wir alle besitzen ziemlich sicher Kleidung, die mit Baumwolle hergestellt wurde, die dank Züchtung mit Gentechnik resistent gegen ihre schlimmsten Fraßfeinde ist (es sei denn, man kauft wirklich nur Bio-Baumwolle).

Mehr Natürlichkeit dank Biotechnologie?

Da uns trotz aller Aufklärung der Glaube an eine Schöpfung bis heute kulturell stark beeinflusst, sehen viele Menschen eine Art unrechtmäßigen oder gefährlichen Akt darin, biologische Lösungen mittels Technologie zu entwickeln. Zumindest erkläre ich mir so die starke Ablehnung und Überschätzung der Risiken von Biotechnologie. Ein weiterer Grund ist eine Fehleinschätzung des Status Quo: wir brauchen keine Biotechnologie, um langfristig das Erbgut unserer Umwelt zu verändern. Wir tun das schon die ganze Zeit. Und wir tun vieles, das man als sehr unnatürlich oder zumindest doch als sehr umwelt-, tier- und klimaschädlich bezeichnen kann. Ich sehe es so, dass uns die Biotechnologie ein harmonischeres Zusammenwirken mit der Natur ermöglicht. Dafür gibt es viele Beispiele, für den Fermentskalender will ich euch nur einige aus dem Bereich der Fermentation aufzeigen. Man nennt den Einsatz von gentechnisch veränderten Mikroorganismen für die Fermentation inzwischen meist Präzisionsfermentation (weil man ganz präzise eine bestimmte Zutat produziert).

Ein gesünderer Planet dank Präzisionsfermentation

Heute schon:

  1. Seit den 1980er Jahren muss Insulin für Menschen mit Diabetes nicht mehr aus Schlachthausabfällen gewonnen werden. Stattdessen kann Humaninsulin seither mit gentechnisch veränderten Bakterien produziert werden. Sehr viele weitere Wirkstoffe und auch Vitamine werden inzwischen auf diese Weise hergestellt, statt sie aus Tieren oder Pflanzen gewinnen zu müssen, in denen sie häufig nur in geringen Mengen vorkommen.
  2. Da zum Glück immer mehr Menschen weltweit in Wohlstand leben, steigt auch die Nachfrage nach Produkten, die man nicht unbedingt zum Überleben braucht, sich aber gern leistet. Zum Beispiel wollen viel mehr Menschen als früher in den Genuss von Aromen und anderen Zusatzstoffen wie Vanillin, Erdbeeraroma oder Zitronensäure kommen. Würde man die Mengen, in denen diese Stoffe heute konsumiert werden, tatsächlich über Vanilleschoten, Erdbeeren und Zitronen decken wollen, bräuchte man gewaltige Flächen für deren Anbau, was sehr unökologisch wäre. Stattdessen wird ein Großteil heute fermentativ hergestellt. Zitronensäure beispielsweise mithilfe des Schimmelpilzes Aspergillus niger. Häufig wird dieser für eine effektive Produktion biotechnologisch optimiert.
  3. Biologisch abbaubare Alternativen zu Kunststoffen aus Erdöl werden ebenfalls mit genetisch umprogrammierten Mikroorganismen hergestellt. Ein Beispiel ist PLA, das auf Milchsäure basiert. Auch unser Abfallproblem können wir also mit Fermentation angehen.

In Zukunft möglich:

  1. Mikroorganismen, die genetisch gut erforscht sind, kann man inzwischen fast beliebig umprogrammieren. Das klingt einfacher, als es letztendlich ist, aber es ist inzwischen zum Beispiel gelungen, das Milchprotein Casein auf diese Weise zu produzieren. Also exakt dasselbe Milchprotein, das normalerweise in Kuhmilch vorkommt. Auch die anderen Bestandteile von Milch und Käse lassen sich in Zukunft auf diese Weise produzieren, wodurch wir die Tierhaltung enorm reduzieren und große Flächen renaturieren könnten – zum Wohle von Artenvielfalt und Klima.
  2. Es gibt heute schon viel bessere vegane Produkte als früher. Trotzdem hinkt der Geschmack noch häufig hinter dem tierischen Pendant her. Eine Lösung bringt die Präzisionsfermentation auch hier: mit ihr können naturidentisch tierische Zutaten produziert und den pflanzlichen Produkten beigemischt werden. Zum Beispiel Blut (siehe Türchen #16) oder Fett. Dadurch könnte das Pflanzensteak oder der Erbsenburger in Zukunft noch tierischer schmecken (für die, die es mögen).
  3. Neben tierischen gibt es weitere Lebensmittel, deren Produktion viele Ressourcen verbraucht oder deren Anbau voraussichtlich durch den Klimawandel erschwert wird. Dazu gehören zum Beispiel Kaffee und Kakao. Die Nachfrage nach diesen Luxusgütern wird voraussichtlich nicht abnehmen, sondern eher noch weiter steigen. Doch jetzt schon bringt der Anbau ökologische Probleme mit sich und die Preise schwanken durch Ernteausfälle stark. Eine Ausweitung der Anbauflächen ist nur gegen einen hohen ökologischen Preis möglich. Manche Startups haben sich deshalb entschlossen, mit Präzisionsfermentation die Aromen von Kaffee und die Bestandteile der Kakaobohne 1:1 nachzufermentieren.

Alle diese Beispiele für den Einsatz von Biotechnologie und noch viele, viele weitere sorgen dafür, dass wir unseren Einfluss auf die Biosphäre unterm Strich verringern. Ob das jetzt natürlich ist oder nicht, ist für mich eine philosophische Frage. Für effektiven Umwelt- und Klimaschutz ist die Biotechnologie jedenfalls ein wirksames Werkzeug, das wir unbedingt nutzen sollten. Ich gehe sogar so weit, zu sagen: wer Biotechnologie pauschal ablehnt, weiß noch nicht genug darüber oder kann es mit Umwelt- und Klimaschutz nicht wirklich ernst meinen. Das „wahre Bio“ ist für mich also nicht allein der Ökologische Landbau und Bio-Lebensmittel. Sondern die wirklich konsequente Anwendung von biologischem Wissen und biologischen Werkzeugen für eine bessere Welt. Und da gehört Biotechnologie einfach dazu.

Mehr zum Thema

In diesem Text auf bioökonomie.de findet ihr alles Wichtige über „mikrobielle Zellfabriken“.

Mehr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fermentation gibt es in meinem 2024 im Residenz Verlag erschienenen Buch „Revolution aus dem Mikrokosmos – Nachhaltige Ernährung durch Fermentation“. Zu kaufen überall, wo es Bücher gibt, zum Beispiel direkt auf der Seite des Verlags. Mehr zum Buch findet ihr auch hier auf meiner Webseite.

Empfohlene Artikel

1 Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert