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(Eine englische Version dieses Textes wurde in The Brazilian Report am 16. August veröffentlicht: )

Brasilien hat Foie gras verboten. So heißt es jedenfalls überall. Beschlossen hat der brasilianische Kongress aber eigentlich etwas anderes und dass Frankreich mit Empörung reagiert ist ein Symptom für das seltsame Verhältnis Europas zur eigenen Innovationskraft und dafür, wie es sich bei seinem Weg in die Zukunft selbst im Weg steht.

Gesetz 15.475, das Präsident Luiz Inácio Lula da Silva am 23. Juli nach sechs Jahren parlamentarischem Verfahren unterzeichnet hat, verbietet keine Delikatesse, sondern ein Verfahren: die Zwangsfütterung, auf Französisch gavage. Das Rohr, das der Ente in den Hals geschoben wird, damit sie mehr Futter zu sich nimmt als sie es eigentlich will. Foie gras wird im Gesetzestext zwar genannt, aber nur als Beispiel. Ein Entwurf der Stadt São Paulo hatte es 2015 umgekehrt versucht und die Delikatesse selbst benannt; vor Gericht hielt das wohl nicht stand.

Das Meme, bei dem eine wütende, in Tränen aufgelöste Frau auf jemanden zeigt und im rechten Teil des Bilds eine weiße Katze mit einem frechen Gesichtsausdruck an einem Tisch vor einem Teller mit Essen sitzt. Ich habe über die Frau die Frankreichflagge und über die Katze die Brasilienflagge gebastelt
Mit diesem Meme habe ich einen Post zu diesem Thema von mir auf LinkedIn dekoriert.

Neu ist ein solches Verbot nicht. Die Bundesrepublik hat die Zwangsfütterung bereits 1972 untersagt, Norwegen folgte 1974, die Schweiz 1978. Und auch in Frankreich steht die Öffentlichkeit der Produktion ihres traditionellen Gerichts nicht gerade begeistert gegenüber: In einer Umfrage des Institut français d’opinion publique (IFOP), die die Tierrechtsstiftung 30 Millions d’Amis 2024 in Auftrag gab, hielten 74 Prozent der Befragten die Praxis der Zwangsfütterung für nicht zu rechtfertigen.

Bisherige Verbote haben eines gemeinsam: Sie richten sich gegen das Verfahren, nicht gegen das Erzeugnis. Man kann Foie bei uns im Supermarkt kaufen, obwohl wir die Art der Herstellung so daneben finden, dass wir sie bei uns verbieten. Wer ein Gesetz so gestaltet, sagt eigentlich: „Wir wollen nicht, dass das hier geschieht, aber essen wollen wir es trotzdem. Den unangenehmen Teil soll bitte jemand anders übernehmen, weit genug weg, sodass ich nicht hinsehen muss.“ Es ist eine Selbsttäuschung, an der alle Beteiligten wissentlich mitwirken. Brasilien ist nun konsequent und untersagt Zwangsfütterung nicht nur im eigenen Land, sondern auch den Import von Produkten, die auf diese Weise hergestellt wurden. In Europa haben wir das bisher anders gehandhabt, weshalb sich Frankreich (bzw. die entsprechende Lobby) tierisch über das neue Gesetz aufregt, in Brasilien viel Energie investiert hat, um dagegen zu lobbyieren, und empört vorwirft, das sei ja alles gegen das Mercosur-Abkommen.

Doch noch einmal einen Schritt zurück. Was ist Foie gras eigentlich genau? Direkt übersetzt heißt Foie gras Fettleber (klingt plötzlich gar nicht mehr so exquisit oder?) und genau das ist sie auch, meist von der Ente, seltener von der Gans. Verfetten kann eine Leber nur, wenn das Tier weit mehr frisst, als es freiwillig fräße, und dafür muss jemand sorgen. Wenn nun beklagt wird, hier werde eine Tradition verboten, denkt man dann an die Pastete und die Esskultur oder an das Rohr im Hals eines Tieres? Ist es wirklich dieser Teil, der unbedingt bewahrt werden muss?

Links sieht man eine Foie gras Pastete auf einem weißen Teller, serviert mit einem grünen Blatt und Apfelkompott. Rechts sieht man eine schematische Darstellung von Zwangsfütterung einer Ente, mit einem Rohr im Hals
Was ist gemeint, wenn von der schützenswerten französischen Tradition gesprochen wird? Die leckere Pastete oder die Zwangsfütterung von Enten und Gänsen? Und was wäre, wenn man das eine ohne das andere haben könnte?

Aber beides gehört ja zusammen, denkt ihr jetzt vermutlich. Wie soll Foie gras denn ohne Zwangsfütterung entstehen? Sie muss es längst nicht mehr, und man braucht dafür nicht einmal Frankreich zu verlassen. Das Pariser Unternehmen Gourmey, inzwischen Teil von Parima, hat das erste Dossier für kultiviertes Fleisch zur Zulassung als Lebensmittel bei der EU-Börder EFSA eingereicht – und zwar ausgerechnet für Foie gras. Brüssel hat noch nicht entschieden, das dauert bei uns bekannterweise alles etwas länger, Singapur hat das Produkt hingegen bereits im April zugelassen, in der Schweiz, in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten laufen ebenfalls Anträge. Foie gras gehört zu den einfachsten Erzeugnissen, die sich auf diesem Weg herstellen lassen, weil sie eine unstrukturierte Zellmasse ist und kein Muskelgewebe gebildet werden muss, was weiterhin eine der Barrieren für echtes Fleisch aus Zellkultur ist. Ich spreche also nicht von einem pflanzlichen Imitat, es geht um echte tierische Leberzellen, in Kultur gewachsen, ohne Rohr im Hals von irgendwem und sogar ohne Schlachtung. Mitglieder von WePlanet Australia haben kultiviertes Wachtelparfait (auch eine Art Foie Gras) sogar schon gegessen, das dort seit dem vergangenen Jahr produziert und serviert werden kann. Soll köstlich gewesen sein (wenn man’s mag) und das Wissen, dass dafür kein Tier misshandelt werden musste, kann den Genuss doch nur steigern.

Und worauf ich damit hinauswill: Foie gras aus Zellkultur löst den Widerspruch zwischen längst nicht mehr gesellschaftsfähiger Produktionsweise und gleichzeitigem Konsum dieser Delikatesse auf. Die Zellkultur trennt beides voneinander und erlaubt uns damit ein Verhalten im Einklang mit unserer eigenen Moral.

Frankreich, das den Foie-gras-Markt von gestern anführt (noch … wie bei fast allem anderen skaliert China fleißig), hätte die besten Voraussetzungen, auch den von morgen anzuführen. Stattdessen kämpft es dagegen an. Euro Foie Gras, der Straßburger Verband der Erzeuger aus den fünf EU-Staaten, in denen die Zwangsfütterung für Stopfleber weiterhin zulässig ist, hat im März eine Stellungnahme veröffentlicht, in der er auf wenigen Absätzen gleich zwei europäische Rechtsakte begrüßt. Der erste betrifft die Vermarktungsnormen für Geflügel und hält daran fest, dass eine rohe Entenleber mindestens 300 Gramm wiegen muss und eine Gänseleber 400, damit sie als Foie gras verkauft werden darf. Tierschutzorganisationen halten dem entgegen, dass kein Tier dieses Gewicht ohne Zwangsfütterung erreicht. Der zweite Rechtsakt, der gefeiert wird, ist die am 5. März vereinbarte Reform der Gemeinsamen Marktorganisation (GMO), die 31 Fleischbezeichnungen schützen soll (böse Lebensmittel aus Pflanzen sollen z. B. nicht Steak oder Leber im Namen tragen dürfen) und dieses Verbot vorsorglich auch auf zellkultivierte Erzeugnisse ausdehnt. Das kann man sich noch besser auf der Zunge zergehen lassen als zellkultivierte Foie gras: Ein und derselbe Verband begrüßt in ein und derselben Stellungnahme die Vorschrift, die das alte Verfahren wirtschaftlich unentbehrlich macht, und die Vorschrift, die dem neuen den Namen verweigert (an dieser Stelle bitte das Meme mit dem Fahrradfahrer vorstellen, der sich selbst den Stock zwischen die Speichen steckt). Für eine Interessenvertretung für Zwangsfütterung ist das nachvollziehbar. Nur besteht eine Branche doch nicht allein aus ihren Erzeugern. Zu ihr gehören ebenso die verarbeitende Industrie, Marken, die Rezepte, die Exportbeziehungen, und für all das ist es doch nicht nur gleichgültig, woher die Leber stammt, sondern sogar eine ständige Gefahr für die Reputation. Abgesehen davon, dass sich ganz offensichtlich immer mehr Märkte verschließen, weil sie Ehrlichkeit mit sich selbst, statt Doppelmoral wählen (wobei man gleichzeitig sagen muss, dass z. B. China den Import verboten hat, um selbst eine Foie gras Industrie aufzubauen; dort ist man allerdings auch gleichzeitig viel näher an der Variante aus Zellkultur, wenn die EU weiterhin schläft).

Auch ohne die vom Fettleberverband gefeierten 300g steht die selbstgebaute Einbahnstraße bereits schwarz auf weiß im europäischen Recht. Die Definition von Foie gras in der Verordnung 543/2008 nennt weder Geschmack noch Konsistenz, sondern Leber von Tieren, die so gefüttert wurden, dass eine Fetthypertrophie (Verfettung) entsteht. Eine Delikatesse also, die rechtlich über das definiert wird, was man dem Tier angetan hat. Aber das ließe sich ja revidieren. Warum nicht das Land bleiben, aus dem die beste Foie gras kommt? Wäre eine Foie gras ohne Rohr und ohne Schlachtung nicht die beste, die es je gegeben hat? Statt einen Markt zu verteidigen, den immer weniger Menschen wollen, könnte Frankreich den Markt der Zukunft anführen und bald köstliche Foie gras aus Zellkultur nach Brasilien verkaufen.

Statt Energie auf einen Kampf zur Verteidigung einer Vergangenheit zu verschwenden, die bald niemand mehr will, sollte Europa auf Brasilien zugehen und bei den Lebensmitteln der Zukunft zusammenarbeiten. Die Übermacht aus China und den USA in diesem Bereich macht solche Partnerschaften für Europa unbedingt nötig. Zum Beispiel sollte man eine Harmonisierung der Zulassung neuer Lebensmittel anstreben, sodass ein in São Paulo geprüftes Dossier für ein neues Lebensmittel auch in Brüssel gelesen und reguliert werden kann. Brasilien und die EU haben komplementäre Stärken in den Bereichen Wissenschaft, Industrie und Feedstocks (also den Ausgangsstoffen, die für Zellkultur, Fermentation usw. gebraucht werden). Sich zusammenzutun, damit diese neue Industrien nicht alle nach China und in die USA abwandern, wäre für Mercosur die viel lohnendere Aufgabe, als politische Energien auf einen aussichtslosen Kampf um den Status quo zu verbrauchen.

Also ja, Brasilien hat Foie gras faktisch verboten. Aber nur, weil die Branche und die Politik an ihrer Seite eine Delikatesse über ein Verfahren definiert haben statt über das, was am Ende auf dem Teller liegt. Die Tradition war doch nie das Rohr im Hals der Ente. Wer sie dennoch unbedingt darauf festlegen will, kettet sie an etwas, das keine Zukunft hat, und lässt Frankreich mit Brasilien über einen Markt streiten, der sowieso zu Ende geht, statt einen mitaufzubauen, der erst beginnt und in dem es viel zu gewinnen gibt.

Hier geht’s zu meinem Post auf LinkedIn, der mir die Einladung zu diesem Gastkommentar eingebracht hat 😀

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